Dienstag, 7. Juli 2015

Lewis Carroll "Alice hinter den Spiegeln" (Rezension)

Titel: Alice hinter den Spiegeln
Autor: Lewis Carroll
Gebundene Ausgabe: 145 Seiten
Preis (Buch): ab 4,95 €
Preis (ebook): ab 2,99 €




“Jetzt! Jetzt!” rief die Königin. “Schneller! Schneller” Und nun sausten sie so schnell dahin, daß sie beinahe nur noch durch die Luft segelten und den Boden kaum mehr berührten, bis sie plötzlich, als Alice schon der Erschöpfung nahe war, innehielten, und im nächsten Augenblick saß Alice schwindelig und atemlos am Boden.
Voller Überraschung sah sich Alice um. “Aber ich glaube fast, wir sind die ganze Zeit unter diesem Baum geblieben! Es ist ja alles wie vorher!”
“Selbstverständlich”, sagte die Königin. “Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.”
          (Lewis Carroll)




HINWEIS:
Dies ist der zweite und abschließende Band der Reihe rund um das verträumte Mädchen Alice.

INHALT: 
Erneut führt uns Alice's kindliche Fantasie in eine andere Welt. Dieses mal ist es das Spiegelland, in dem schnell deutlich wird, dass Zeit hier etwas anders funktioniert als in der Realität. Wieder trifft das junge Mädchen auf allerhand skurrile Figuren und fragt sich nicht nur einmal wessen Traum dieses merkwürdige Chaos darstellt. Ist ihre Welt nur die Illusion eines anderen, ihre eigene oder steckt mehr hinter diesem Ort, an dem sich alle Figuren wie Schachfiguren fortbewegen und doch nicht nach den Regeln spielen?






MEINUNG: 
Welch ein seltsames Buch. Zum einen ist die Handlung hier durch das Schachspiel als Überthematik etwas klarer gegliedert als der erste Teil. Andererseits ist die Geschichte noch um einiges absurder, hat jedoch vermehrt auch einige interessante philosophische Gedanken eingeflochten. Die leicht philophischen Einflüsse gefielen mir hier besonders gut, da ich finde, das man in viele Dialoge noch sehr viel mehr hinein interpretieren konnte. Allerdings zieht sich dieser Stil nicht durch das gesamte Buch und wer bereits den ersten Teil kennt, kann sich denken, dass auch hier wieder mit allerhand Absurditäten übertrieben wird. Wie im ersten Band ist auch hier die Sprache wieder sehr bildhaft. Man kann sich alles gut vorstellen und die Zeichnungen, die auch den Vorgänger schmückten, fügen sich perfekt in die Geschichte. Auch werden hier erneut viele Geschichten der einzelnen Charaktere durch Gedichte oder poetische Lieder erzählt. Dieses mal sogar noch häufiger. Einige dieser Gedichte sind gut verständlich, während man andere wiederum ein zweites mal lesen muss. Selbst dann ist man sich nicht ganz sicher, ob man alles richtig verstanden hat. Letztlich ist es aber auch nicht der Sinn dieses Buches alles klar verständlich an den Leser zu bringen. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man bereits glaubt, dass alles eigentlich nicht noch viel seltsamer werden kann wird man eines besseren belehrt.
Die Charaktere in diesem Teil gefielen mir nicht alle so gut wie im ersten Band. Einzig der weiße Ritter gefiel mir wirklich gut, sowie einige Eigenarten der weiteren Charaktere. Dennoch konnte bei mir der Funke hier nicht so richtig überspringen. 
Interessant fand ich es hingegen zu lesen, dass das Spiegelland in diesem Teil eigentlich eine ganz andere Welt als das Wunderland ist. Dennoch wurden in den späteren Verfilmungen und Adaptionen beide Welten einfach wirr miteinander verbunden. Wer demnach gerne erfahren will, was in späteren Werken bereits alles verfremdet wurde, sollte sich auch dieses Buch nicht entgehen lassen. Es ist ziemlich surreal, oft verwirrend, aber dennoch unterhaltsam und recht schnell durchgelesen.
"Kannst du dividieren? Ein Brot geteilt durch ein Messer - was gibt das?"
"Nun -", begann Alice, doch die Schwarze Königin nahm ihr die Antwort ab.
"Butterbrot natürlich. (...)"
          (Lewis Carroll)  




SPRACHE:
Auch hier wieder der Hinweis von mir, dass man die alte Sprache mögen sollte, wenn man dieses Buch lesen will. Zudem sollte man auch Gedichten nicht abgeneigt sein, da hier einige mehr zu lesen sind als im Vorgänger.

Hier ein Gedicht, das ich besonders schön fand. PS: Wenn ihr die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen aneinander reiht ergibt sich Alice's vollständiger Name.


Ach, jenes Boot am Uferrain,

Leise und sanft glitt es dahin

Im goldnen Julisonnenschein --



Chor der Drei! so nah geschmiegt,

Ernst euer Aug, gespannt das Ohr,

Plaudernd von Märchen eingewiegt --



Lang ist nun schon der Himmel kalt,

Ein Echo tönt noch schwach von dort -

Auch dieser Ton verhaucht schon bald.



Sie sucht mich oft auch jetzt noch heim,

Alice, die unterm Himmel geht,

Nie mehr gesehn, im Traum nur mein.



Chor von Kindern hier und dort,

Ernst das Aug, gespannt das Ohr

Lauscht auch jetzt noch meinem Wort.



In ein Wunderland versetzt,

Durch die Tage träumend hin,

Durch die Sommer träumend jetzt,



Eingewiegt am Ufersaum --

Leis auf der Fahrt im goldnen Strom --

Leben: bist du nicht nur Traum?
                           
                         (Lewis Carroll)  
  

FAZIT:
Ein sehr symbolhaft geschriebenes Buch, das einen dazu bringt mehr als nur um die Ecke zu denken. Am Ende fragt man sich, ob jeder den gleichen Sinn oder auch Unsinn verstehen würde. Auch wenn dieser Teil nur drei Sterne von mir bekommt, fand ich ihn dennoch unterhaltsam zu lesen. Viele Stellen gefielen mir besser als im ersten Band, aber leider konnten mich auch viele Kapitel und/oder Abschnitte weniger begeistern. Noch ein kleiner Hinweis am Rande: Vielleicht sollte man sich auch nicht zu sehr mit der Lebensgeschichte des Autors befassen. Je nachdem, was man da so liest könnte es einem ein wenig die Freude am Lesen nehmen, wovon man sich aber nicht verunsichern lassen sollte.








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