Mittwoch, 8. Juli 2015

Tipps und Anregungen zur Gestaltung eurer Roman-Figuren (Indie-a-napolis)

Auf die Haupt- und Nebenfiguren eures Buchprojekts solltet ihr ein genaues Augenmerk halten. Warum? Reicht denn nicht eine originelle Grundidee und Storyline? Ja und nein. Natürlich solltet ihr auch dies haben und gut durchdenken. Jede Geschichte steht und fällt jedoch zunächst mit ihren Charakteren. Der Leser braucht Personen, die er lieben oder hassen kann. Kurzum: Er braucht Charaktere zum Mitfiebern! Stereotype, austauschbare Charaktere können daher schnell dazu führen, dass ein Leser gelangweilt ist, obgleich der Rest eurer Geschichte spannend und gut durchdacht sein mag.

Daher sollten eure Figuren so lebendig wie möglich wirken.
Was genau heißt das?
Bevor ihr mit dem Schreiben beginnt, sollten eure wichtigsten Haupt- und Nebenfiguren Gestalt und Kontur haben. Macht euch genaue Gedanken zu Stärken, Schwächen und Fähigkeiten eures Charakters. Wie geht er mit seinem sozialen Umfeld um? Wie kleidet er sich? Wie lebt er? Womit verdient er seinen Lebensunterhalt? Was hat er bereits alles erlebt? Hat er irgendwelche besonderen Eigenarten? Wie sind seine Einstellungen zu bestimmten Themen und zum Leben an sich? Hat er bestimmte Hobbys? Die Fragen und Unterpunkte kann man endlos weiterführen. Wem es nicht ausreichen sollte einen eigenen kurzen Steckbrief zu den einzelnen Personen zu erstellen, kann auch wie bereits in einem anderen Artikel erwähnt zu einem Charakterbogen greifen. Detailierte Bögen solltet ihr ohne Probleme auf diversen Seiten im Internet finden. Sicher werdet ihr in dem ein oder anderen Bogen auch Punkte finden, die ihr bei eurer Gestaltung des Charakters gar nicht bedacht habt. Daher kann es durchaus hilfreich sein zumindest einen Blick darauf zu riskieren. Ob ihr diese jedoch in eure Arbeit miteinbezieht oder euch nur Anregungen dadurch holt, bleibt euch frei. Hier sei nur gesagt, dass Notizen immer hilfreich sein können. Selbst wenn ihr natürlich alles selber frei plant und gestaltet, kann es immer wieder vorkommen, dass ihr das eine oder andere Detail vergisst. Daher ist es durchaus sinnvoll wichtige Merkmale zu euren Figuren zu notieren.

Haucht euren Charakteren Leben ein!
Eine der ersten fiktionalen Geschichtsformen waren die Märchen, in denen meist immer klar ersichtlich war, wer die "Guten" und die "Bösen" sind. Im Verlauf der Geschichte gelang den "Guten" in der Regel immer alles und die "Bösen" bekamen ihre gerechte Strafe. An sich ein Konzept, was heute noch immer gerne angewandt wird und auch manchmal funktioniert. Dennoch kann eine derartige Herangehensweise beim Schreiben eines Buches auch schnell dazu führen, dass die Story zu platt und wenig glaubhaft wirkt. Hier sei natürlich zu bedenken, welches Genre man bedient und welche Altersgruppe man ansprechen will. Bei Kinder-Büchern kann es durchaus von Vorteil seine Charaktere nach dem klassischen "Märchen-Prinzip" auszubauen. In der Regel sei jedoch gesagt, dass es spannender ist, wenn man Charaktere mit deutlichen Ecken und Kanten hat. Auch zwiespältige Figuren, die man als Leser nicht direkt einschätzen kann, üben oft einen besonderen Reiz aus und können im Verlauf der Story für Spannungsmomente sorgen. Im Ungewissen zu tappen und nicht zu wissen, was als nächstes passiert, lässt den Leser die Seiten eines Buches geradezu verschlingen.
Beim Schreiben möchte man vielleicht manchmal gerne dazu neigen "perfekte Menschen" zu erschaffen, doch Vorsicht! Keiner liest gerne etwas über Personen, denen einfach alles gelingt und die ohne Probleme durch ihren Alltag gehen. Wobei wir fast schon beim Thema Konflikterstellung wären. Eure Hauptfigur sollte nicht von allen geliebt und bewundert werden und platt ausgedrückt "Scheiße in Gold verwandeln" können. Sie sollte auch deutliche Probleme haben. In welcher Art und Weise und Ausartung bleibt euch überlassen. Es muss schließlich zu eurer Grundidee passen. Nur vorsichtig: Überdramatisiert es nicht! Wenn niemand ständig nur Glück hat, hat auch niemand ständig nur Pech! Es sei denn er oder sie wurde verzaubert oder verflucht ;)

"Hilfe! Charakterbögen sind aber sehr, sehr ausführlich! Ich glaube das kriege ich nie ausgefüllt."
Wie bereits erwähnt ist es nicht notwendig mit Charakterbögen zu arbeiten. Wenn ihr einen anderen Weg für euch finden könnt, euren Charakteren Leben einzuhauchen ist das super. Falls ihr euch jedoch dazu entscheidet derartige Vorlagen als Hilfsmittel zu nutzen, sollte es euch nicht entmutigen, falls ihr nicht gleich zu Beginn zu jedem Punkt ausführliche Informationen schreiben könnt. Vielleicht macht es den Reiz eures Charakters auch gerade erst aus, dass er noch etwas "unfertig" ist, weil er selbst in eurer Handlung noch in einer Entwicklungsphase steckt? Wichtig ist nur, dass ihr mit der Gestaltung eures Charakters arbeiten könnt und dieser in sich stimmig ist.
Eine zu konkrete Planung eurer Charaktere kann ebenso den Schreibfluss stören. Dabei macht es doch gerade auch Spaß zwischendurch spontane Szenen einzufügen, die man vielleicht nicht eingeplant hat. Gleiches gilt für Charaktere. Vielleicht fällt euch während des Schreibens noch etwas ein, dass ihr zuvor noch gar nicht bedacht habt. Das ist gar nicht schlimm. Wichtig ist in dem Fall nur, dass sich dieser Gedankenblitz logisch und sinnvoll in eure Story fügt.
Macht euch daher nicht zu viel Druck bei der Erstellung eines Charakters. Wenn ihr eure selbsterstellten Charaktere auch erst durch das Schreiben wirklich näher kennen lernt, denkt dabei auch an das reale Leben. Auch im echten Leben sind die Menschen nicht nach einem bestimmten Schema gestrickt. Sie handeln plötzlich unerwartet und schaffen es sich und andere zu überraschen. Oder wisst ihr immer genau wie ihr oder andere in bestimmten Situationen reagieren würden? Habt ihr immer ein und dasselbe Lieblings-Essen? Hört ihr immer nur die selbe Musik? Ändert ihr nie eure Meinung? Nein? Was sagt uns das? Genau: So wandelbar wie wir Menschen im echten Leben können und sollten auch eure Buchcharaktere sein.

Die Wahl des Hauptcharakters/der Hauptcharaktere
Was sich nach den ersten Gedankengängen relativ einfach anhört, ist schwieriger als es klingt. Nehmt nicht den "erstbesten" Charakter, den ihr kreiiert habt. Überlegt genau, ob es sinnvoll ist eure geplante Story über diese Figur aufzuziehen. Eignet sich dieser Charakter vielleicht doch eher als Nebenfigur? Welchen Reiz würde ein anderer Charakter als Hauptfigur bieten?
Hierbei solltet ihr auch erste Entscheidungen zu eurem Erzählstil bedenken. Wollt ihr die Geschichte lieber aus der Ich-Perspektive schreiben oder beispielsweise als allwissender Erzähler fungieren? Auch der personelle Schreibstil kann für euch die richtige Herangehensweise sein. Einige Autoren wechseln auch die verschiedenen Erzähl-Perspektiven in ihrem Buch. Hier sei aber etwas Vorsicht geboten: Unter Umständen kann dies dazu führen, dass es eure Leser verwirrt, wenn ihr zu oft zwischen den Erzählarten wechselt. Da kann ein noch so guter Schreibstil schnell aus dem Lesefluss reißen.

Was solltet ihr bei der Wahl des Schreibstils bedenken?
Bei der Ich-Perspektive müsst ihr zu 100 Prozent eurem selbstgestalteten Hauptcharakter vertrauen können. Kann dieser es schaffen den Leser durch seine Gedanken, Handlungen und Erlebnisse zu fesseln? Könnte es im Roman zu spannenden Schlüsselszenen kommen, an denen eure Hauptfigur nicht beteiligt ist bzw. sein kann? Die Ich-Perspektive eignet sich durchaus am besten um seine Hauptfigur am lebendigsten darzustellen und Gefühle zu vermitteln. Allerdings kann euer Protagonist nicht überall sein und bekommt nur einen "Teil" des gesamten Geschehens mit. Ähnlich wie im Leben kann und wird eure Hauptfigur nicht überall dabei sein. Wenn ihr diesen Gedanken jedoch gleich berücksichtigt und es für eure Handlung keine Probleme darstellt, dass ihr nur eine Sicht auf die Dinge "eurer Welt" aufzeigen könnt, ist dieser Erzählstil vielleicht genau das Richtige für euch.
PS: Es ist auch möglich bei diesem Stil zwischen mehreren Charakteren hin und her zu wechseln. Allerdings solltet ihr dies in eurem Buch irgendwie erkenntlich machen. Gute Beispiele hierfür sind z.B. die "Legend"-Reihe von Marie Lu oder die letzten drei Teile der "Bloodlines"-Reihe von Richelle Mead.
Beim personellen Erzählstil beschreibt ihr auch lediglich den derzeitigen Handlungsort einer eurer Figuren. Allerdings nicht aus der "Ich-Perspektive". Das Praktische hierbei ist, dass ihr besser zwischen verschiedenen Charakteren hin und her wechseln könnt. Statt "Ich ging..." zu schreiben, benennt ihr hier schließlich die Namen der Figuren. Übertreibt es aber auch hier nicht mit euren Wechseln und überlegt genau, ob es notwendig ist andere Sichtweisen einzubringen. Bedenkt auch hier genau, ob ihr die richtige Auswahl an Charakteren für eure Story getroffen habt. Hierzu könnt ihr vielleicht einigen Szenen gedanklich durchspielen und überlegen, ob diese so funktionieren.

Protagonisten und Antagonisten
Braucht jeder Hauptcharakter auch einen oder mehrere Gegenspieler? Nein. Natürlich findet man zahlreiche Bücher, die genau so gestrickt sind und auch genau deswegen funktionieren. Gegenspieler bringen immer Spannung in einen Roman und können Grund für den Auslöser eines oder mehrerer Konflikte sein. Eure Antagonisten brauchen jedoch eine ebenso klar durchdachte Persönlichkeit und Motivation wie euer Protagonist. Oft ist die Hauptfigur der Sympathieträger und der Gegenspieler dementsprechend eher das Gegenteil. Denkt man hier wieder zurück an die Märchenwelt, neigt man schnell dazu diese klar als "Gut" und "Böse" zu unterscheiden. Doch Vorsicht! Jeder hat gute und schlechte Seiten, auch wenn bei dem einen oder anderen eine Seite überwiegt. Macht also nicht den Fehler zu eindimensional zu denken. Versucht euch auch in eure eher unliebsamen Figuren hineinzuversetzen. Warum sind diese so? Was versprechen sie sich von ihren Taten? Gibt es irgendwas, dass die guten Seiten in ihm (wieder) wecken könnten? Je mehr Facetten ihr euren Charakteren gibt, desto realistischer wirken sie. Dies gilt ebenso für Protagonisten und Nebenfiguren.
Ob ihr einen oder mehrere Gegenspieler in eurem Roman benötigt, hängt wiederum ganz von der Thematik ab. Eine schwerwiegende Naturkatastrophe beispielsweise kann auch ohne weitere Intrigen unter den Beteiligten spannend sein.

"Hilfe, mein Nebencharakter, den ich eigentlich nur kurz brauchte, entwickelt ein Eigenleben!"
Hört sich zunächst komisch an, kann aber durchaus passieren. Während des Schreibens fallen einem immer wieder neue Dinge ein und so kann es auch vorkommen, dass man plötzlich viele Ideen und Anreize zu einem Charakter bekommt, der ursprünglich nur eine minimale Bedeutung hatte. Auch hier gilt ähnliches wie bei plötzlichen Gedankenblitzen zu euren Hauptcharakteren. Stellt euch die Frage, ob es wirklich sinnig ist dieser Figur noch mehr Handlungsraum zu geben. Was bedeutet dies für eure Geschichte? Müsst ihr viel ändern? Bringt dieser Charakter mehr Spannung, Humor oder Abwechslung in die Handlung? Bedenkt diese Faktoren genau, denn jede kleine Änderung und zusätzliche Idee wirft zusätzliche Konflikte und Handlungspotenziale auf. Seid ihr euch zu unsicher, wie ihr nach diesen Änderungen weiter arbeiten sollt, wägt diesen Gedanken lieber ab und bleibt bei eurem ursprünglichen Handlungsverlauf. Das Gute ist, dass ihr nicht-verwendete Ideen auch gegebenfalls in anderen Büchern verwenden könnt. Also nicht traurig sein, falls die eine oder andere Idee nicht mehr in euren Roman passt. Das kommt leider öfter vor.

Noch ein letzter Tipp:
Jeder Mensch ist anders und so sollten auch die Charaktere in eurem Buch unterschiedlich sein und Kontraste untereinander erzeugen. Wie im echten Leben ;)

Auf bald!





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen